Weltreise

Leben im Ausland: Mein Jahr in Singapur

Der erste Tag in meiner neuen Heimat hatte einen unerwartet bitteren Beigeschmack. Ganz allein in einem AirBnB Zimmer im CBD – dem am Wochenende ausgestorbenen Business District Singapurs – in einem luxurioesen Apartmentkomplex mit premium Aussicht, fuehlte ich mich zum ersten Mal seit langer Zeit so richtig einsam. Waehrend meine ganze Kontaktliste noch friedlich schlief, habe ich mich da schon kurz gefragt: Was hast du dir denn jetzt bloss eingebrockt, Ilinca? Dein Leben in London lief doch eigentlich ziemlich gut.

Diese Zweifel habe ich so gut wie moeglich runtergeschluckt und mich am Tag darauf mit zwei Freunden vearbredet, die gluecklicherweise zeitgleich mit mir in diese Ecke gezogen sind. Als wir zusammen den ersten von vielen Iced Kopis getrunken haben und durch Chinatown gewandert sind, war es mit der Einsamkeit dann auch schnell vorbei. Trotzdem ist sie mir in Erinnerung geblieben.

Ilinca zähle ich nicht nur seit fast 10 Jahren zu meinen besten Freunden, ich bewundere sie auch ganz besonders für ihren Mut und ihren Ehrgeiz. Direkt nach dem Abitur zog sie für ihr Studium nach Edinburgh und daraufhin nach Oxford. Nach ihrem Master arbeitete sie zunächst in London und danach zog es sie für ihr zweites Jahr im Rahmen des WPP Fellowship Programms nach Singapur. 

Vielleicht liegt das daran, dass ich mich alleine eigentlich nur selten einsam fühle – so selten, dass ich dieses ungewohnt leere Gefuehl in der Magengrube zuerst gar nicht so richtig einordnen konnte. Aber wenn man ans andere Ende der Welt zieht, geht das wohl als Ausnahmezustand durch – da darf man sich schon mal ein bisschen einsam fuehlen, egal, wie sehr man seine eigene Gesellschaft zu schaetzen weiss.

Seit letztem September wohne ich jetzt schon hier und das letzte Jahr ist nur so an mir vorbeigeflogen. Das wundert mich kein bisschen; der Alltag hier ist meistens wunderbar unkompliziert, Singapur ist lebenswert und pflegeleicht und das Leben, das ich mir hier aufgebaut habe, gefaellt mir ausgesprochen gut. Meine Alltagsroutine habe ich fast perfektioniert. Auf dem Weg zur Arbeit schalte ich beim Podcast hoeren auf Autopilot um und wenn ich Glück habe, wache ich morgens schon fuenf Minuten vor meinem 5:36 Uhr Wecker auf. Ich bin in eine gute Sportroutine reingerutscht, ich lese viel, und ich habe das Gefühl, dass ich zum ersten Mal so richtig den Absprung vom Studentenleben zum (mehr oder weniger) stabilem Erwachsenendasein geschafft habe.

Mein Umzug hierher war mein allererstes Mal in Singapur und in Asien ueberhaupt. Ich schäme mich inzwischen ein bisschen, wenn ich mich an meine erste Begegnung mit einem Gecko zurueckerinnere. Während der kleine Kerl munter und lautlos an der Wand entlang spazierte, habe ich damals unter der Bettdecke panisch gegoogelt, ob mein temporaerer Mitbewohner denn potentiell gefaehrlich ist (war er natuerlich nicht) und wie oft Geckos denn so ohne Vorwarnung auf dich draufspringen (das kommt uebrigens auch nicht so oft vor). Jetzt, nach fast einem Jahr in Suedostasien, kommt mir diese Reaktion ziemlich absurd vor – vorallem seit ich gelernt habe, dass Geckos Ungeziefer zum Fruehstueck verspeisen.

Die Wohnungssuche zog sich anfangs etwas hin, deshalb habe ich nach meinem Umzug zunaechst drei Wochen in drei verschiedenen AirBnBs gewohnt, ohne so wirklich anzukommen. Das anfaengliche Warten hat sich gelohnt – unsere Wohnung hier ist ein waschechter Traum, und abends nach der Arbeit heimkommen ist immer noch ein kleines Highlight. Ich hab unterschaetzt, was fuer einen riesigen Unterschied es macht, mehr als genug Platz fuer sich selbst zu haben, vorallem nach unserer charmanten aber winzig kleinen Londoner WG.

Unterwegs sein ist auf Dauer eben nichts fuer mich – ich komme lieber an, als dass ich aufbreche. So koennte ich mir zum Beispiel nie vorstellen, mit einem Rucksack bepackt ein Jahr lang um die Welt zu ziehen. Laenger als ein paar Wochen moechte ich nicht aus dem Koffer leben. Zuhause ist es doch am schoensten – ich bin ein richtiger Homebody; ich mag’s gemuetlich und ich brauch meine eigenen vier Waende. Trotzdem zieht es mich regelmaessig in die Ferne, und ich habe riesiges Glueck, dass mein Job es mir ermoeglicht – und mich sogar dazu ermutigt – drei Jahre lang alle zwoelf Monate nochmal neu anzufangen. Man lernt ein neues Land und eine neue Kultur ganz anders kennen, wenn man Wurzeln schlaegt, als wenn man nur kurz zu Besuch ist. Und bis jetzt fiel es mir auch immer noch relativ leicht, mein Leben einzupacken und nochmal neu anzufangen.

Aber natuerlich fängt man nie komplett neu an. Je oefter man umzieht, desto mehr Menschen, Orte und Erinnerungen bringt man im Gepaeck mit, und seit ich nach Singapur gezogen bin, bin ich mir dessen noch viel mehr bewusst als zuvor. Ich glaube, das liegt daran, dass ich jetzt so weit weg von allem bin. Das merke ich vorallem zwischen sieben Uhr morgens und zwei Uhr nachmittags, wenn ganz Europa schlaeft und die Verbindung nachhause trotz virtuellem Dauerdraht voruebergehend abbricht.

Vielleicht habe ich deshalb dieses Jahr hab immer mal wieder Phasen, in denen ich einfach alles vermisst habe. Klar, ich vermisse natuerlich mein Zuhause – in Deutschland und Rumaenien und dazwischen – und meine Familie, aber das war schon immer so seit ich 2011 nach Edinburgh gezogen bin. Neu hinzu kommt eine Nostalgie fuer diese letzten Jahren in Grossbritannien. Ich vermisse die Orte, an denen ich gelebt habe, und die Menschen, die diese Orte so wunderbar gemacht haben. Wenn es mich packt, vermisse ich akut vorallem aber auch die kleinen, fluechtigen Gefuehle und Momente, die ich mit diesen Orten verbinde. In Oxford vom College nachhause laufen und aus meinem Fenster auf das Fussballfeld schauen. Das erste Jahr in Edinburgh, als alles noch ganz neu und frisch war und sich romantisch und ungewohnt angefuehlt hat. In der Dining Hall meines Colleges in Oxford meine Lieblingspasta essen. Die Aussicht aus meinem ersten Unizimmer und den allerersten Schnee in Schottland, fuer immer mit meiner analogen Kamera festgehalten. In Vorlesungen sitzen und zukuneftige lebenslange Freundschaften zum allerersten mal knüpfen. Im Winter in meinem Schlafzimmer in Marchmont frieren und meinen Atem auch in der Wohnung sehen koennen.

Okay, das eiskalte Zimmer vermisse ich jetzt nicht unbedingt – und diese Erinnerung hat sich uebrigens noch nie fremder angefuehlt als jetzt; momentan schalte ich nachts im zwei-Stunden-Takt meine Klimaanlage ein und aus und wache morgens aus Prinzip verschwitzt auf.

Aber zurück zu Singapur. Kritiker des Inselstaates behaupten gerne, dass das Beste an Singapur ist, dass man von hier aus so schnell und günstig in den Rest der Region fliehen kann. Das halte ich persönlich für Schwachsinn. Klar, Singapur ist nicht ganz so aufregend wie London, Shanghai oder New York. Aber hier leben ist in echt hundertmal besser als auf Papier.

Die Menschen sind zunächst etwas distanziert aber sehr freundlich, hilfsbereit und humorvoll wenn man sie anspricht – und erst recht, sobald man sie etwas besser kennenlernt. Unser Buero ist zwischen zwölf und zwei Uhr mittags so gut wie ausgestorben, denn Singapurer nehmen ihre Mittagspause verdammt ernst. Kein Wunder, denn Essen generell spielt eine zentrale Rolle. Hier auswärts essen ist preiswert, frisch und unglaublich lecker. Hawker Center, deren familienbetriebene Stände sich oft seit Generationen auf ein paar weniger Gerichte spezialisieren und diese perfektioniert haben, bieten dir eine Auswahl des Besten an, was Asien kulinarisch zu bieten hat. Ich kann an zwei Händen abzählen, wie oft ich dieses Jahr selbst gekocht habe. Die Mischung der Kulturen hier geht natürlich weit über das Essen hinaus. ‚Singlish‘ – der lokale englische Dialekt mit Chinesischen und Malay Einflüssen – wächst dir sehr schnell ans Herz, lah! Jede vertretene Religion bekommt hier zwei Feiertage pro Jahr zugesprochen, was Wochenendausflüge trotz minimaler Urlaubstage ermöglicht.

Trotz traditioneller Einflüsse ist Singapur hypermodern. Generell funktioniert hier alles reibungslos – außer wenn ein Softwareupdate zu einem Zusammenstoß der selbstfahrenden U-Bahnen führt (aber alles halb so wild). Meine Arbeitserlaubnis wurde mir im Voraus innerhalb von zwei Wochen bestätigt; ein Bankkonto eröffnen hat keine zehn Minuten gedauert. Um zwei Uhr nachts heimlaufen ist überhaupt kein Problem – man fühlt sich hier eigentlich immer sicher und verlorene Kreditkarten finden generell ihren Weg zu dir zurück (auch wenn ich das noch nicht selbst testen durfte).

Aber so gerne ich auch Zeit in Singapur verbringen – natürlich stimmt es auch, dass ganz Südostasien nur einen kurzen Flug entfernt ist und der Rest Asiens sich auch in Reichweite befindet. Ich habe das voll und ganz ausgenutzt. Vor ein paar Jahren haette ich niemals gedacht, dass ich innerhalb von so kurzer Zeit Japan, Bali und Yogyakarta in Indonesien, Hanoi in Vietnam, das benachbarte Malaysia, Shanghai, und Seoul erkunden darf. Nur Hong Kong und Bangkok hab ich nicht mehr geschafft – das heb ich mir fuer spaeter auf.

Ein kleiner Disclaimer: für Fans von kühlen Temperaturen ist Singapur auf Dauer nicht das richtige Ziel. Jeden Tag hat es hier tropische Temperaturen (eigentlich ist Äquatorialklima der korrekte Begriff, wie ich gelernt habe) und 25 Grad im Schatten fühlen sich inzwischen kalt an. Im Januar wurden übrigens die niedrigsten Temperaturen seit Jahrzehnten registriert. Bei 21 Grad hat ganz Singapur die Pullis ausgepackt und sich lauthals über die Kälte beschwert. Ich habe übrigens auch mitgefroren – ich liebe den Sommer und hab mich schnell an die Dauerhitze gewöhnt. Die warmen Temperaturen sind gut für meine Haut und Seele und als großer Sommergewitterfan freue ich mich über jeden tropischen Sturm. Einzig die hohe Luftfeuchtigkeit ist nicht ganz so optimal. Mein Make-up hält nie lange – mir fließt nach einem zehn Minuten Spaziergang meistens schon das Gesicht runter. Meine Haare habe ich dieses Jahr mehr oder weniger aufgegeben und stattdessen in einen praktischen kinnlangen Bob schneiden lassen.

Aber natürlich hat Singapur auch Schattenseiten, die etwas ernster sind als schmelzende Foundation. So hochentwickelt und wohlhabend wie das Land auch ist, der Sozialstaat ist ein work in progress – in der Expat-Blase könnte man leicht vergessen, dass hier nicht jeder ein gemuetliches Leben fuehrt.

Letztes Jahr habe ich noch mit Jasmin darüber gesprochen, wie viel Glück ich hatte, mich in London und Oxford so mühelos in neue Freundschaftsgruppen eingefügt zu haben, sei es durch mein Studium oder die Arbeit. Das ist dieses Mal absolut nicht der Fall – mein Freundeskreis vor Ort ist daher auch deutlich kleiner. Allerdings hatte ich auch hier das große Glück, dass ich zeitgleich mit zwei Freunden nach Singapur gezogen bin und deshalb nicht ganz neu anfangen musste. Und obwohl ich mir in London sehnsüchtig vorgestellt hatte, wie schön es doch sein muss, seine eigene kleine Wohnung zu haben, bin ich jetzt richtig froh, dass ich zuhause einen wunderbaren Mitbewohner habe und nicht jeden Abend in eine stille Wohnung zurückkehre.

Denn wie schon gesagt – auch wenn man sich selbst als introvertierter Mensch meistens genügt, ist es doch schön, wenn man weiß, dass im Zimmer nebenan jemand parallel sein Leben führt. Jemanden zu haben, der mit dir Netflix auf der Couch schaut und mit dem du dich abends über deinen Tag und deine Highlights und Sorgen austauschen kannst ist eben doch unbezahlbar. Vielleicht braucht man das umso mehr, wenn man normalerweise sowieso schon viel Zeit mit seinen eigenen Gedanken verbringt. Wer hätte gedacht, dass ich auf einmal gar nicht mehr so wild darauf bin, so schnell wie möglich meine eigene Wohnung zu haben!

So viele Expats in Singapur planen ursprünglich nur ein, zwei Jahre hier zu leben. Jahre später sind viele von ihnen immer noch hier. Ich verstehe sehr gut, wie das passieren kann.

Für mich persönlich wird es allerdings jetzt Zeit, weiterzuziehen. Mit jedem Tag der vergeht, wird mir ein bisschen mehr bewusst, dass mein Leben hier nur voruebergehend ist. Vor zwei Tagen bin ich das letzte Mal in Changi gelandet – der naechste Flug nachhause wird vorerst mein letzter Ausflug zum weltbesten Flughafen sein. Ich freu mich sehr darauf, wieder in die Welt der Jahreszeiten einzusteigen und noch einmal ganz von vorne anzufangen. Aber ich weiß jetzt schon, dass mir dieser kleine Inselstaat und seine Bewohner sehr fehlen werden.

Mehr Texte von Ilinca findet ihr hier und schaut auch unbedingt auf ihrem Instagram-Profil vorbei! Dort erfahrt ihr auch ganz bald, wie ihre Reise weitergeht …

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3 Comments

  • Reply Rosa 20. September 2018 at 19:19

    Liebe Ilinca,
    die Gefühle, die du in deinem Blogpost beschreibst, spiegeln eins zu eins meine derzeitige Situation wider. Ich bin vor ein paar Wochen nach London gezogen und habe mich anfangs so einsam wie noch nie zuvor in meinem ganzen Leben gefühlt.
    Auch wenn die Distanz zwischen meiner Heimat Deutschland und dem Vereinigtem Königreich nicht mal ansatzweise mit der zu Singapur vergleichbar ist, wäre ich am liebsten aufgrund von Heimweh sofort wieder zurück nachhause gekehrt. Als frischgebackene Abiturentin war ich plötzlich auf mich allein gestellt. Die Worte ‚überfordert und hilflos‘ beschreiben meine damalige Situation wohl am ehsten. Ich dachte einfach, dass ich mich mit meinem Studium in London schlichtweg überschätzt hatte. Schließlich ist die Millionenmetropole an der Themse eine teure Stadt und die typischen Anfangsschwierigkeiten bestärkten meine (Selbst-)Zweifel nur noch mehr.
    Mittlerweile kann ich darüber lachen. Denn mit den richtigen Leuten, die ich Gott sei Dank kennen- und liebenlernen durfte, kann man sich jeden Ort zu seinem Zuhause machen. Es sind die Kleinigkeiten, die mich daran erinnern, dass ich dankbar sein kann für diese einzigartige Möglichkeit, einen gewissen Zeitraum in dieser traumhaften Stadt zu verbringen.

    Ich freue mich, dass es dir auch gut geht und wollte nur nochmal anmerken,wie sehr ich eure (also Deine, Jasmins und Isabellas) Arbeit zu schätzen weiß. Jasmins YouTube Videos (besonders die Vlogs) zählen für mich zu den Highlights der Woche und sind jedes mal auf’s Neue inspirierend.

    Ich hoffe, mein Kommentar hat euch nicht gelangweilt, aber ich wollte das – als sonst eher stille Mitleserin – einfach mal loswerden 🙂
    Weiter so!

  • Reply Ve 20. September 2018 at 19:44

    Wie witzig dass du bei WPP bist Ilinca – ich hab letzten Monat in London bei GTB angefangen 🙂

  • Reply Steph 25. September 2018 at 19:27

    Hallo Ilinca, hallo Jasmin,

    durch Jasmin folge ich Ilinca auf Instagram und war beim Umzug nach Singapur sozusagen „appgesteuert“ dabei. Der Text hat mir so gut gefallen und ich würde mich sehr freuen, mehr von Ilinca bei teaandtwigs zu lesen. Denn solche „Typen“, die beneide ich. Nicht der schönste Satz in der deutschen Sprache, daher mag ich es erklären: Ich wünschte, ich hätte auch einmal den Mut bewiesen und mir einen Job gesucht, wo ich einfach hätte ins kalte Wasser springen müssen: Neue Kulturen kennenlernen und weg vom behüteten (da Kernpunkt eben hier) Deutschland. Nun habe ich eine Art Zwitterjob. Ich darf ab und an durch Europa reisen, aber mehr als maximal 5 Tage sind nicht drin.
    Also, Hut ab für euch beide – Auch für dich Jasmin, denn ich habe deinen Umzug in meine europäische Lieblinsgsstadt London nur so aufgesaugt.

    Und Hong Kong solltest du, Ilinca auf jeden Fall besuchen! Ich hatte das Glück im Juni dorthin zu gehen und es war als wöre man in London mit chinesischem Einfluss. Wunderschön!

    Liebe Grüße und euch alles Gute!
    Steph

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