Gedanken, Kleiderstange

Kleiderschrank-Kolumne #3: Der (nicht ganz) eigene Sinn für Ästhetik.

Zuallererst: Es gibt natürlich nicht DAS ästhetische Empfinden. Es baut sich vielmehr historisch auf, manifestiert sich in der Gegenwart und entwickelt sich in der Zukunft. Es gibt also eher ein zeitliches und gesellschaftliches Übereinstimmen über einen Sinn von Ästhetik, der es geschafft hat, der populärste zu werden und somit wie ein kleines Alphamännchen über vielen verschiedenen Ideen von Ästhetik thront. Ein Beispiel: der „richtige“ Einsatz von Kleidungsstücken, die mit ihren ganz eigenen Proportionen irgendwie kombiniert werden wollen. In den 50ern durfte sich Kleidung gerne eng und A-Linienförmig an den Körper schmiegen, die 60er/70er assoziiert man heute mit weiten Kleidern, weiten Hosen und weiten Hemden, die viel Platz für Revolutionsgedanken und Freiheitsgefühl ließen. Die 80er brachen wohl mit allem und die 90er, achja die 90er. Da lag die Tattookette eng am Hals, das Spaghettiträgertop eng am Oberkörper und die Miss Sixty auf Hüfte, um schließlich trichterförmig über die Plateaubuffalos zu fallen. Ich muss zugeben, dass es mir gerade schwerfällt festzustellen, welche Formen und Kombinationen denn nun heute vorherrschend sind. Rückblickend fällt das natürlich immer leichter.

Mit jedem dieser Trends entwickeln sich auch gesellschaftlich geformte No-Gos, ein Begriff, der ungefähr so unnötig ist wie seine Bedeutung selbst. Mich persönlich fasziniert zwar eher, was ich nicht auf Anhieb verstehe oder verstehen muss und so finde ich ein Hervé Leger-Kleid eher langweilig, weil es mir ziemlich direkt und genau vorhält, was es aussagen will. Dennoch: Wenn eine Kim Kardashian zeigen will, was sie ganz offensichtlich hat, dann nur zu! Es muss meinem eigenen ästhetischen Empfinden in keinster Weise entsprechen. Das muss, oder besser gesagt darf, zum Glück nur mein eigener Stil. Wie furchtbar langweilig wäre das auch sonst? Was zum Kuckuck sind also diese No-Gos und existieren sie nicht eigentlich nur, um irgendwann über den Haufen gerannt zu werden?

Die Sache mit der Körperlichkeit und dem Einsatz von Kleidung ist ein für mich ohnehin interessantes und viel diskutiertes Thema. Und am Ende zieht man sich wohl niemals NUR für sich selbst an, egal wie reflektiert man den Einsatz von Körpern zum Thema Mode in Werbung und Medien beobachtet. Es ist immer ein komplexes Gefüge aus eigenem Geschmack, Inspiration und einer ganz bewussten oder unbewussten Aussage. Also eine Art eigens gewählte und tagesformabhängige Rolle, in die man gleichzeitig mit den Klamotten schlüpft. Selbst Blusen, die auch als Großfamilienzelt eingesetzt werden könnten, sind im Umkehrschluss oftmals eine kleine Gegenbewegung und ein Augenzwinkern gegenüber Stretchbandagenkleidchen, um nur ein Beispiel zu nennen. Sieht man mal von Ereignissen ab, die bestimmte Kleidungsformen erfordern, darf man in Sachen Kleiderwahl für mein Empfinden also gerne mal der größte Egoist sein und vor allem tragen, was gefällt und der eigenen Idee von Ausdruck, Form und Ästhetik entspricht. Denn meistens sieht man es den TrägerInnen an, ob und wieso sie sich genau in diesem engen Kleid oder jener weiten Bluse wohlfühlen. Die Mischung und all die „Rollen“, in die man durch Mode schlüpfen kann, machen es doch letztendlich aus und können einen großartigen textilen Dialog lostreten. Deswegen ist es wahrscheinlich gerade gut, dass mir zu unserer heutigen Zeit kein richtiges Formbeispiel einfallen will und wir alle immer noch und stets (non-)verbal mitdiskutieren können.

Mein kleiner Beitrag zur Diskussion ist heute diese unschlagbar bequeme Zeltkombination, die ich mir im Urlaub zugelegt habe. Nur für mich, aber ein bisschen auch, weil ich sie selbst nicht ganz verstehe. Oder auf Anhieb verstehen will.

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Kombination
Armreif silber – Asos
Armreif gold – Untitled
Tasche – Balenciaga
Schuhe – Birkenstock (via Sarenza.de)

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8 Comments

  • Reply Victoria 16. September 2015 at 18:48

    Meine Güte, siehst du schön aus, liebe Isabella! Dieses Outfit steht dir einfach ausgezeichnet – ich wage sogar zu behaupten, dass es eines – wenn nicht sogar DAS – meiner Lieblingsoutfits von dir ist. Weil es einfach so toll zu dir passt (sofern ich das beurteilen kann) und du rundum gut aussiehst – das gleiche Outfit würde bei mir wohl ein bisschen eigenartig wirken, so gerne ich es auch tragen würde 😀
    Zu deinem Schreibstil muss ich nichts mehr sagen; den liebe ich schon von Anfang an. Und auch hier hast du mal wieder den Nagel auf den Kopf getroffen und eine tolle Kolumne geschrieben – bitte mehr davon! Die Fotos sind auch erwähnenswert – bitte ein Kompliment an den tollen Fotograf, die Fotos sind wirklich toll!
    x Victoria

  • Reply Malena 16. September 2015 at 19:22

    Top! Schlicht und einfach und doch ganz spannend, so gefallen mir eure Outfits und eure blogeinträge. Lese euren Blog schon seit sehr vielen Jahren und kommentiere eher weniger merke aber immer wieder wie sehr mir euer Schreibstil gefällt und angelegt an den Post vor einer paar Tagen zu Jasmins Kündigung freue ich mich nur noch mehr auf die folgenden Jahre! Schön das ihr immer ein bisschen Inspiration in die Welt bringt 🙂
    Malena

  • Reply Fee 17. September 2015 at 10:26

    Tolles Outfit und schöne Worte! Im Rahmen meines Studiums setze ich mich auch sehr oft mit solchen Thematiken auseinander 🙂

    Alles Liebe,
    Fee von Floral Fascination

    • Reply Isabella 21. September 2015 at 13:24

      oh was studierst du denn? 🙂

  • Reply liebe was ist 17. September 2015 at 15:44

    wieder ein wunderschön verfasster Beitrag, liebe Isabella, und du schaust einfach klasse aus! gerade an deinem Outfit, dass meiner Meinung nach, absolut zeitgerecht ist, sieht man, dass es in diesen 2010ern gar keine klare Linie mehr für Formen oder Schnitt gibt. alles und auch alles miteinander zu kombinieren ist möglich.
    dass wir uns dabei nicht nur für uns selbst anziehen ist schon fast logisch, denn wir fühlen uns dann in unserer „Hülle“ wohl, wenn wir uns selbst darin gefallen und das wiedrum ist der Fall, wenn wir das Gefühl haben von der Außenwelt als schön, bzw. „passend“ wahrgenommen zu werden.
    danke für die tollen Zeilen und Fotos! 🙂

    <3 Tina
    https://liebewasist.wordpress.com/

  • Reply Lisa 18. September 2015 at 17:25

    Ein wirklich super tolles Outfit die Bilder sind einfach der Hammer.
    Und ich muss wirklich sagen der Text einfach nur klasse.

    Liebe Grüße Lisa
    http://hellobeautifulstyle.blogspot.de/

  • Reply Anni 20. September 2015 at 12:19

    Ach Isabella, ich bin immer ein bisschen (mehr) verliebt in Dich und Deinen Stil. Bezaubernd.

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